Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik
Klang statt Kirche
Warum ist die neue Musik so religiös? von Bernhard Uske, aus: Neue Zeitschrift für Musik 05/2002
(ungefähr 7 Seiten)
"Schönberg est mort" - Pierre Boulez' Diktum von 1951,1 das dem Künstlertypus galt, den der Begründer der
Zwölfton-Musik verkörpert, wirkt heute fehl am Platze. Vierzig Jahre nach Ausstellung des Totenscheins durch die
Darmstädter Avantgardisten sind sie nämlich allenthalben wieder da und halten die neue Musik am Leben: die
Künstlerpropheten, Ich-Zelebranten, die Kunstpriester und Klangoffenbarer. "Dieser primitive Messianismus irritiert
mich, ich gebe es freimütig zu", hatte Boulez 1974 noch nachgelegt, "Schönberg setzte den Komponisten mehr oder
weniger mit Gott gleich ..."2 Tatsächlich: Sowohl der Schönberg des atonalen Kults der schöpferischen Triebkraft
des Unbewussten als auch der Schönberg mit den Gesetzestafeln der zwölf nur aufeinander bezogenen Töne ließen
sich mit dem George-Vers des zweiten Streichquartetts trefflich qualifizieren: "Ich bin ein dröhnen nur der heiligen
stimme."
Eigentlich hätte nicht nur der Begründer der Zweiten Wiener Schule, sondern auch und erst recht dessen Schüler
Anton Webern im Orkus der Nachkriegsavantgarde landen müssen, den diese für obskurantisch-anmaßendes Künstler-
und Ausdrucksverständnis unterhielt. Webern aber spielte in Darmstadt und anderswo die Rolle der seriellen
Stifterfigur, obwohl diese, im Gegensatz zum strikt monotheistischen Gesetzesverständnis Schönbergs, mit ihrer
anthroposophisch-esoterischen Gestaltungsweise der "heiligen Stimme" noch einige Obertöne draufsetzte. Webern
zitierte 1933 in seiner Vortragsserie "Der Weg zur Neuen Musik" mit Emphase Goethe über die antike Kunst: "Alles
Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen: da ist die Notwendigkeit, da ist Gott."3
Die holistische Stellung der Klangereignisse, wo sich alles aus einem einzigen Organisationsmodus ableitet und die
goetheanische Urpflanzen-Idee Geltung hat, war so gesehen nichts anderes als der andere Brennpunkt der großen
Ellipse des religiösen Kraftfelds der frühen neuen Musik: oben der ordnende Gott der Zwölf-Ton-Gebote, der nicht nur
die "Jakobsleiter", "Moses und Aron" und die späten Psalmen schaffen ließ - und unten die sinn- und beziehungsvoll
webende Schöpfungsordnung des Alles in Allem, die der anthroposophische Katholik Webern, der sein Abendgebet auf
dem Boden kniend verrichtete und auf Reisen immer die Bibel und den Faust bei sich hatte, mit jedem seiner späten
Werke vehementer zelebrierte.
[weiter...]
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