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[Musik - Eine Weltsprache? Eine Polemik]

Musikzeitschriften im Portrait: Neue Zeitschrift für Musik

Musik - Eine Weltsprache? Eine Polemik

von Sandeep Bhagwati, aus: Neue Zeitschrift für Musik 4/2000

(ungefähr 5 Seiten)

Missionen

1. Ist Musik wirklich eine Weltsprache?

In Festreden über Musik taucht immer wieder das Klischee von der Musik als Weltsprache auf. Und in einem gewissem Sinne ist sie das natürlich auch - wenn die Berliner Philharmoniker in Japan Bruckner aufführen, kommen sie eher an, als wenn Günter Grass dort eine Lesung aus einem seiner Romane präsentieren würde. Und wenn ein balinesisches Gamelan-Ensemble hier spielt, berührt uns das eher als ein Vortrag in einer der indonesischen Sprachen. Aber schon der zweite Fall zählt für die meisten Festredner nicht zu ihrer Vorstellung von der "Weltsprache Musik": Normalerweise meinen sie damit die erfreuliche Tatsache, dass auch junge KoreanerInnen Mozart geigen und man ein europäisches Jugendorchester zusammenstellen kann, das in friedvoller Zusammenarbeit Brahms spielt. In der ganzen Welt füllen europäische Orchester die Säle und ernten begeisterten Beifall. Das ist schön, aber aus der Perspektive anderer Länder und Musikkulturen ist diese ganze Angelegenheit nicht so harmlos wie sie Europäern erscheint. Sie fragen sich, ob die Musik nicht vielleicht aus denselben Gründen eine "Weltsprache" ist wie Englisch und Französisch es sind, Überbleibsel alter Kolonialstrukturen, Begleiterscheinung neuer wirtschaftlicher Abhängigkeiten?

2. Europäische Musik in der Welt

Wie der Soziologe und Musikschriftsteller Edward Said in seinem Buch Orientalism artikuliert hat, beginnen die Kulturen dieser Welt langsam zu erkennen, auf wie vielen verschiedenen Feldern Europa die Welt erobert und beherrscht hat - und auf welche Arten und Weisen, abgesehen von ökonomischen Tricks, es dies heute noch tut. Der Glaube an die "Weltsprache Musik" ist eine dieser subtilen Techniken, genauso übrigens wie die europäische Begeisterung für die so genannte "Weltmusik". Indem man die europäische Musik zur Weltsprache erklärt, definiert man andere Musikkulturen zu Regional- oder Lokalsprachen um. (In München hat z. B. das bekannte Kaufhaus Ludwig Beck 1995 eine Abteilung namens "O-TON" eingerichtet. Dort findet man CDs aus Filmmusik, Volksmusik und Literatur - und eben unter dem Label "Folklore" neben wirklicher Folklore auch Musiken aus China, dem Iran, Indien, Bali, der persisch-arabischen Welt, die alles andere als Folklore sind: nämlich hochentwickelte und differenzierte, theoretisch reflektierte Kunstmusiken!) Indem man eine japanische Pianistin in Mozart-Interpretation unterrichtet, weicht man der Bereicherung aus, die eine von ihr ausgehende gänzlich anders geartete Auseinandersetzung mit der europäischen Tradition ermöglichen würde. Indem man an die universale Gültigkeit der Musik Beethovens glaubt, diskreditiert man all jene außerhalb des eigenen Kulturkreises zu Musikern einer niedrigeren Erkenntnisstufe.

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