Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung
Die Paradiesmusik verstummte
Die "unerhörte" Musik des Gaudenzio Ferrari im Unterricht hören von Franziska Günther, aus: Musik & Bildung 4/2002
(ungefähr 4 Seiten)
Ist es möglich und wünschenswert, SchülerInnen einen Zugang zu schaffen zu einer Zeit, in der die unhörbare, fantastische Musik der Musica mundana einen weit höheren Stellenwert hatte als die klingende? Ist diese Musik nicht nur graue Theorie, wie viele Lehrbücher darstellen, weil sie uns keinen Klang (mehr) zu vermitteln hat? Mit Hilfe der Musik-Ikonografie, einem didaktisch bisher kaum beleuchteten Aspekt der Musikgeschichte, wurde ein Zugang zu dieser ungewöhnlichen Thematik gesucht.1
Gibt es eine Musik, die ausschließlich in unserer Vorstellung existiert? Ist sie nachvollziehbar? Kann man darüber sprechen? Eine Musik, die so fantastisch ist, dass sie ohne die Realität der Schallwellen existieren kann? Wir möchten diese Frage vielleicht verneinen, weil Klang im Sprachgebrauch Synonym für wahrnehmbaren Schallreiz ist. Entzieht man der Musik nicht ihre Grundlage, wenn man sie ihres realen Klangs beraubt? Andererseits: Wäre es denkbar, durch diesen Verlust eine neue, fantastische Klangwelt zu gewinnen?
Von der Antike bis ins späte Mittelalter war die Beschäftigung mit Musik zentral vom Ideal dieses Fantastischen, Unerhörten durchzogen: Proportion und Harmonie der Welt wurden selbst Klang und die nicht-klingende Musik zum Ideal der Musik schlechthin, während der Stellenwert der klingenden Musik ambivalent blieb. Doch wo ist dieser fantastische Klang zu verorten? Es ist nach innen gerichtete Fantastik. Wenn Gabriele und Norbert Brandstetter formulieren, dass Fantastik die Konfrontation einer Realität mit dem Unerklärlichen ist, die musikalische Fantastik sich diese Realität, anders als Literatur und Kunst, aber erst konstituieren muss,2 dann gilt das nicht für den inneren Klang, denn der ist in uns selbst verortet. Warum aber gab es in all den Jahrhunderten keine überlieferten Versuche, die Musica mundana3 real zu verklanglichen? Vielleicht beantwortet Jean-Paul Sartre das in seinen Überlegungen zur Verbindung von Realität und Imagination: Das Imaginäre vorzuziehen heißt nicht nur, der gegenwärtigA??en Mittelmäßigkeit eine Fülle, eine Schönheit, einen Luxus vorzuziehen trotz ihres irrealen Charakters. Es heißt auch imaginäre‘ Gefühle und ein imaginäres‘ Verhalten annehmen wegen ihres imaginären Charakters.4
[weiter...]
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