Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung
Mathis der Maler und die sieben Todsünden
Werkinterpretation im Spannungsfeld von Erfahren und Darstellen von Michaela Schwarzbauer, aus: Musik & Bildung 1/2002
(ungefähr 6 Seiten)
Das im Folgenden beschriebene Beispiel aus der Arbeit mit SchülerInnen eines
zehnten Jahrgangs (der sechsten Klasse eines österreichischen Gymnasiums)
versteht sich als Dokumentation eines längeren Unterrichtsprojekts (wobei
ein Großteil tatsächlich im Zeitrahmen von hundert Minuten erarbeitet
wurde). Es ging von dem Gedanken aus, dass Produktion und Rezeption künstlerischen Darstellens und Erfahrens sich gegenseitig
bedingen.
Paul Hindemiths Sinfonie Mathis der Maler wurde im hier vorgestellten
Unterrichtszyklus als ein Werk aufgegriffen, das sich - 1934 noch vor dem
Inferno des zweiten Weltkriegs entstanden - religiösen Inhalten zuwendet.
Als Drehscheiben erweisen sich dabei zwei Schauseiten des Isenheimer Altars
von Matthias Grünewald: die zweite mit der Bilderfolge der Verkündigung, des
Engelkonzerts und der Auferstehung (wobei hier die Aufmerksamkeit vor allem
den beiden ersten Darstellungen zugewendet wurde) sowie die dritte, in der
uns insbesondere die Versuchung des heiligen Antonius beschäftigen sollte.
Der von mir in diesem Fall gewählte Weg vollzog sich zuerst über die
Erarbeitung einer Musiktheaterimprovisation (Projektteil 1; aufgeführt für
die gesamte Schule, wobei die Darstellungen des Isenheimer Altars einerseits
durch Projektionen unmittelbar aufgegriffen wurden, andererseits in der
Darstellung der Todsünden indirekt - man denke an die "Versuchung des
heiligen Antonius" - einbezogen wurden). Ein zweiter Schritt führte zur
bildlichen Darstellung, insbesondere dem Engelkonzert (Projektteil 2), und
schließlich in einer dritten Phase zum ersten Satz "Engelkonzert" in
Hindemiths Sinfonie Mathis der Maler (Projektteil 3).
Projektteil 1: Improvisiertes Spiel
Es mag vielleicht von manchen als unzeitgemäßer Versuch angesehen werden,
Evangelientexte, die an manchen Stellen als moralisierend empfunden werden
könnten, aufzugreifen und mit der szenisch-musikalischen Ausdeutung der
sieben Todsünden zu verbinden. Grünewalds sehr drastische Darstellung der
Versuchung des Antonius vermag allerdings sehr wohl apokalyptische Visionen
menschlicher Abgründe aufzuzeigen, die auch den "nicht religiösen" oder
"konfessionell gebundenen" Menschen unmittelbar ansprechen. Gerade
angesichts des Einsturzes des World Trade Centers (als Symbol einer
konsumorientierten Ersatzreligion?) erweisen sich "abgründige" Formen
menschlichen Verhaltens, wenn auch nicht in engstirniger Form als "sündhaft"
etikettiert, als beängstigend aktuell. Zorn, Neid, Stolz - in bedrückender
Form finden diese in Gewalt ihren Ausdruck, aber auch in Gedanken, die
einzig um Rache und Vergeltung kreisen sowie in einer Attitüde des
selbstgefälligen Richtens, die nur zwischen den Extremen von "gut" und
"böse" zu unterscheiden vermag.
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