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[Streiten nach den Regeln des Rap]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung

Streiten nach den Regeln des Rap

Respect und Disrespect: zentrale Begriffe der Streitkultur im HipHop - Lernstationen ab Klasse 8

von Friedrich Neumann, aus: Musik & Bildung 4/2001

(ungefähr 3 Seiten)

Streit und Auseinandersetzung gehören zu den elementaren Bestandteilen des HipHop und sind in seinen drei Ausprägungen Graffiti, Breakdance und Rap gleichermaßen fest verankert. Das Bedürfnis nach einer ritualisierten und - zumindest innerhalb der Gemeinde der Gleichgesinnten - sanktionierten Form der Auseinandersetzung trug wesentlich zur Entstehung der HipHop-Kultur bei. Graffiti-Sprayer ("Writer") sprühen Bilder ihrer Wut auf Häuserwände, Brücken sowie Bahnwaggons und nehmen dabei bewusst die Konfrontation mit der Justiz in Kauf. Straßengangs kultivieren mit dem Breakdance eine akrobatische Tanzform, durchaus mit dem Ziel, die negative Energie der Schlägereien und Kämpfe in die konstruktive Energie einer neuen Straßenkultur umzuwandeln.1 Beim Rap gehörte es von Anfang an zum Grundprinzip, die eigene Meinung in Reimform zu verbalisieren und sich dabei den Ärger nach Herzenslust von der Seele zu reden. Innerhalb der Regeln ist so ziemlich alles erlaubt, von Sex und Spaß über Politik bis zu handfesten Beleidigungen. Ein Rapper, der seinen Spielraum ausnutzt, sollte jedoch auf verbale Gegenattacken gefasst sein.

Die Bedeutung von Rap als Streitkultur ist in Texten, Rap-Wettstreiten ("Freestyle-Battle") und Veröffentlichungen eindeutig. Nicht zufällig nannten Hannes Loh und Sascha Verlan ihr Buch über HipHop-Texte Raplyriker und Reimkrieger.2 Sie zitieren eine Reihe von ausgesprochen angriffslustigen Rapzeilen: ",Bum! Bum! Klatsch! Ich hau dir auf die Fratz mit den einzelnen Worten oder mit 'nem ganzen Satz' (Advanced Chemistry), ,kurz und klein schlag ich dich mit dem Stabreim' (Moses P), ,die Reimkeule gegen sinnloses Geheule' (Bastian Böttcher), ,ok, du bist so schlecht wie die Musik in meinem Radio' (David Pe)." Sie verweisen auch auf die lange Tradition von Sänger- und Dichterwettstreiten, die schon bei Aristoteles dokumentiert sind.3 Damit ist eine (Wett)Streitkultur auf die Musikbühne zurückgekehrt, die es hierzulande schon im ausgehenden Mittelalter gab. Dazu gehörten "Sängerkriege" (z. B. der berühmte Sängerkrieg auf der Wartburg), Meistersinger-Wettbewerbe und z. T. auch der Minnesang. In der traditionellen afrikanischen Musikkultur, die dem Rap zweifellos näher steht als die westeuropäische, ist die Auseinandersetzung mittels rhythmischer Sprechverse seit langem ein fester Bestandteil. Darauf verweist der amerikanische Sprachforscher Roger D. Abrahams in seinem 1970 erschienenen Aufsatz "Rapping And Capping? Black Talk As Art".4 Er beschreibt darin das "Rapping" als eine in rhythmische Sprechverse verpackte Darbietung, die Angebereien ("boasting"), Beleidigungen ("bragging") oder einfach nur humorvolle Unterhaltung enthält. Beim so genannten "Capping" treten dann zwei Rapper gegeneinander an.

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