Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung
Bad Boys of Music going "Jazz"
George Antheils und Erwin Schulhoffs Beziehung zur Tanzmusik von Peter W. Schatt, aus: Musik & Bildung 2/2001
(ungefähr 9 Seiten)
Was man in den 1920er und 30er Jahren in Europa als Jazz bezeichnete, war beim breiten Publikum und den Komponisten ebenso umstritten, wie unklar war, über welche Musik man eigentlich stritt. War "Jazz" schon in seinem Ursprungsland alles andere als ein Gattungsname, so bezeichnete man mit diesem Begriff in Europa nicht nur authentische afroamerikanische Musik, sondern auch die mehr oder weniger verflachten Erscheinungen der einheimischen Tanz- und Unterhaltungsmusik wie Tango, Ragtime, Foxtrott oder "Six-eight", sofern sich nur an ihnen
außereuropäische Wurzeln zu erkennen gaben.1 An dieser Musik lehnten die einen nicht nur aus Anhänglichkeit an einen konventionellen Kunst- und Werkbegriff, sondern auch aufgrund eines traditionellen Menschenbildes dasjenige schroff ab, worauf die anderen, die nicht an den Bestand überkommener Werte und Normen glaubten, begeistert ihr Augen- und Ohrenmerk richteten: das Neue, das sich nicht nur in Form neuartiger Klänge, sondern auch als Zeichen einer neuen Haltung zum Leben präsentierte, und zwar als Sinnbild für Amerika, dem Synonym für das Moderne, das sie in Gestalt des Mondänen oder Wilden in der Musik, aber auch in einer technologisch ausgerichteten Zukunft und in Form einer funktionierenden Demokratie suchten.2
Dem verschwommenen Inhalt des Begriffs "Jazz" entspricht es, dass die Tänze quasi als alltagsästhetischer Hintergrund fungierten, der als Referenz für etwas gelten konnte, das einem als Musik- bzw. Kunstideal vorschwebte. Ihr Potenzial entfaltete diese Bezugsmusik dadurch, dass sie dazu beitrug, eine musikalische Moderne eigener Art zu konkretisieren: eine Moderne jenseits eines klassizistischen Spiels mit der Tradition, aber auch fern von avantgardistischen Revolutionen des Materials. Am Beispiel von Kompositionen Erwin Schulhoffs und George Antheils lassen sich exemplarisch zwei fundamental differierende Möglichkeiten der Entfaltung derartiger Vorstellungen zeigen. Ein solcher Vergleich liegt auch insofern nahe, als Schulhoff und Antheil vieles gemeinsam haben: Beide waren nicht nur Komponisten, sondern auch
herausragende Pianisten; beide besaßen eine umfassende Bildung, die sich auch in Form literarischer Tätigkeit zeigte; beide standen als Freunde der Dadaisten auf Kriegsfuß mit dem tradierten Kunstbegriff und einem auf kulinarischen Genuss erpichten bürgerlichen Publikum; beide schrieben ihre auf Jazz bezogenen Stücke etwa zur selben Zeit, beide rekurrierten dabei in erheblichem Maße auf Ragtime bzw. von diesem abstammende Tanzmusik - und für beide war die Bezugnahme auf Jazz nicht insgesamt bestimmend, sondern nur eine Episode.
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