Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung
Lehren und Lernen im Schatten von Konflikten
Ergebnisse einer empirischen Studie zum Musikunterricht von Matthias Harnitz, aus: Musik & Bildung 3/2000
(ungefähr 8 Seiten)
"Der Unterricht geht vielerorts in die Leere."(1) "Ein gelangweiltes oder
gar aufbegehrendes Desinteresse von Schülern und wachsende Resignation bei
ihren Lehrern ist die Folge."(2) Diese beiden Zitate sind kennzeichnend für
ein trauriges Bild gegenwärtigen Musikunterrichts, wie ihn gebeutelte
MusiklehrerInnen allerorts immer wieder beklagen.
Oftmals ist nicht einmal die Herkunft der Probleme eindeutig geklärt, so
dass vielen der wohl gemeinten Lösungsansätze die Gebrechen der reinen
Spekulation anhaften. Bereits vor acht Jahren bemerkte Hans Günther Bastian
aus diesem Grund sarkastisch, "daß wir in unserem Fach immer mehr
beschreiben, was sein könnte/sollte, aber nicht wissen, was eigentlich
ist".(3) Dennoch ist bisher die Zahl der empirisch arbeitenden
MusikpädagogInnen relativ gering.
Forschungsinteresse
Wer einen Beitrag zur Bewältigung von Konflikten im Musikunterricht leisten
will, muss notwendigerweise zunächst nach den Ursachen forschen.
In den folgenden Abschnitten finden sich die wesentlichen Aussagen einer
explorativen Studie, die in bescheidenem Umfang versucht, am Aufbau eines
aktuellen empirischen Fundaments für bestehende und zukünftige
musikpädagogische Konzeptionen mitzuwirken und das komplexe
Ursache-Wirkungs-Geflecht für Schwierigkeiten im Musikunterricht ein wenig
zu entwirren. Leitgedanke der Untersuchung ist die Vermutung, dass ein
Zusammenhang zwischen Konflikten im Musikunterricht und der individuellen
musikalischen Identität der SchülerInnen besteht. Um dies empirisch
überprüfbar zu machen, ist zunächst eine theoretische Betrachtung des
Identitäts- und Konfliktbegriffs notwendig. Auf diese Weise wird die
Ausgangsbasis für die Konzeption einer empirischen Erhebung und die spätere
Datenauswertung geschaffen. Erst die Betrachtung der Ergebnisse gestattet
schließlich einen Ausblick darauf, wie begründet zur Bewältigung von
Konflikten im Musikunterricht beigetragen werden kann.
Identität
In Anbetracht der verschiedenartigen Problemdiskussionen, die mit dem
Identitätsbegriff verbunden werden,(4) ist zum Zweck einer klaren
Hypothesenbildung und Operationalisierung der Versuch einer Definition
unverzichtbar. In der vorliegenden Studie gewinnen vor allem der sozialpsychologische
Identitätsbegriff Erik H. Eriksons und die Theorie des "Symbolischen
Interaktionismus" nach George H. Mead, vereint unter dem Dach der
Sozialisationsforschung,(5) an Relevanz: Gemeinsam dienen die Ansätze der
Annäherung an den Begriff einer "musikalischen Identität" und den Gedanken,
dass aus ihr ein musikunterrichtsspezifisches Konfliktpotenzial erwachsen
kann. Beide Theorien haben verstärkt Eingang in jugend- und musikbezogene
Studien gefunden, wodurch eine Einbindung der vorliegenden Arbeit in einen
größeren Forschungszusammenhang möglich wird.
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