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[Mit allen Wassern]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung

Mit allen Wassern

Eine Klanginszenierung im Grundkurs Kunst-Deutsch, Jahrgangsstufe 11

von Christoph Berens, Stephan Froleyks, aus: Musik & Bildung 2/2000

(ungefähr 3 Seiten)

Ein Musiker hat einen Freund. Der Freund ist Kunstlehrer. Gemeinsam planen sie eine Inszenierung. Es soll ein Schulprojekt werden, eine künstlerisch-pädagogische Arbeit mit einem Oberstufenkurs.
Im Kurs (Deutsch-Kunst-Tandem), den sie aussuchen, sind 26 SchülerInnen. Obwohl fast keiner von diesen ein Instrument spielt, wollen die beiden mit ihnen ein Musikprojekt machen. Je weniger jemand von einer Sache weiß, desto mehr Erfahrungsspielräume tun sich auf. Dass man Sachen da macht, wo sie nicht hingehören, und dass man Dinge tut, die man nicht kann, hatte außerdem im 20. Jahrhundert eine gute Tradition, behauptet der Musiker. Die werden's schon lernen! Und da ein gutes Projekt immer auch interdisziplinär ist, soll zu Musik und Kunst auch gleich noch die Literatur hinzukommen. Ohne Musik- und ohne Deutschlehrer. Ohne Vorgaben und schulinterne Absprachen. Nur der Projekttag am letzten Tag vor Weihnachten muss angemeldet werden. Ums Wasser soll es sich drehen, das kennt jeder, damit kommt jeder hoffentlich täglich in Berührung, das hat jeder schon mal plätschern gehört, dazu kann notfalls jeder was sagen. Der Musiker wälzt Bücher, er findet viele, viele Texte - "Das weiche Wasser bricht den harten Stein!" -, kopiert einen Stapel und gibt ihn dem Lehrer. Der hat inzwischen von dem Kurs grünes Licht bekommen: Mal gucken, was da auf uns zukommt - besser als Unterricht. Dann denkt er zwei Schulstunden lang mit dem Kurs nach, man entwickelt Vorstellungen, sammelt Material, und gemeinsam stellen sie sich viele Fragen: Wie klingt Wasser? Wo klingt es? Wodurch wird Musik flüssig? Unter konsequenter Vermeidung ökologischer Fragestellungen (das Musical Aquarius - ein Tropfen auf Reisen sollen andere machen!) widmet man sich - l'art pour l'art - dem Wasser selbst. Im stillen Keller der Schule erklingen Engelschöre: "Mein Venedig versinkt nicht."
Wir tragen alles zusammen: Von den SchülerInnen kommen Töpfe, Eimer, Rohre, Mikrofone und ein gutes Dutzend Kassettenrekorder. Der Kunstlehrer lässt zwanzig Billigkassetten springen. Nix Teures, sagt der Musiker, damit die Aufnahmen, die wir damit machen, auch bloß schön rauschen. Alle ziehen los, mikrofonieren den Neffen in der Badewanne, fangen Wasserhähne und Abwasserkanäle akustisch ein oder nehmen ausgewählte und eigene Texte auf. "Man sollte ein Meer sein, mitsamt seinen Wolken, Schiffen, Fischen und Algen!" Überall liegen Texte, Texte, Texte und eine ganze Wagenladung weiterer Materialien, die der Musiker mitgebracht hat. Er zeigt, wie man Wasser aus Infusionsflaschen auf Becken tropfen lassen kann; dass es wie Regen klingt, wenn man in einer Rahmentrommel Kugeln rollen lässt, und wie man Glocken und Glöckchen im Aquarium versenkt. Monika macht ein Ertrinkungstodgedicht dazu. Der Kunstlehrer wundert sich: Fernab des normalen Unterrichts zwei Stockwerke über ihnen kehrt hier plötzlich eine selbstgewollte Stille ein - selbst das Auftreffen eines einzigen Wassertropfens auf dem Betonboden ist klar und deutlich zu vernehmen. Alle möchten jetzt die Instrumente selbst ausprobieren. Dazu wird am Projekttag genug Gelegenheit sein. Auf das Experimentieren mit Materialien und das Ausprobieren von Medien kann der Kunstlehrer dann später auch im "richtigen" Kunstunterricht zurückgreifen.
Alle Ideen münden nun in eine Klangaktion - eine Performance - als Ergebnis des Projekts. Am Projekttag richten wir die Bühne ein: Die Infusionsflaschen mit den Becken ganz oben, darunter ein Rohr, das in ein Aquarium mündet. Überall Kassettenrekorder, da wir aus den Aufnahmen live Collagen mischen wollen. Das Kompositions-Team überlegt sich inzwischen eine Großform und kommt zu einem für alle schlüssigen Ergebnis: In einen leisen Klangfluss werden Texte gebettet, es gibt einige denkwürdige Momente, am Schluss einen schlichten Untergang: Keine Dramen, keine Sturmfluten, kein Niagarafall, nur ein kleiner Höhepunkt.
Jetzt muss geprobt werden. Alle sind gefordert. Auch wenn nur gut die Hälfte des Kurses später auftreten wird, sind die anderen nicht ohne Beschäftigung: Irgendeiner muss die Bandzuspielungen machen, der Raum hat nur drei Steckdosen, das Licht muss eingestellt, die Stühle wollen aufgestellt werden.
Der Teufel steckt im Detail: Es sieht blöd aus, wenn man auf der Bühne schlapp rumhängt, gleichfalls störend sind private Gesten. Sind die Tropfungen richtig eingestellt? Die Texte werden zu nuschelig gesprochen, dabei kichern kommt nicht gut. Wie war nochmal die Abfolge? Die Rahmentrommelspieler schaffen es nicht, uns mit ihren Klängen einzuhüllen. Und selbst das Versenken von Klängen kann man gut oder schlecht machen ... Die erste Stellprobe mit vielen Unterbrechungen, Hauptprobe, misslungene Generalprobe - insgesamt haben wir jetzt zwei Doppelstunden und einen ganzen Vormittag für die gesamte Planung und Vorbereitung gebraucht. Die letzten Weihnachtsplätzchen werden gerecht verteilt, ab zwanzig vor zwei kommt das Publikum. Viele sind nicht mehr in der Schule: zwei Kurse, Freunde, einige Lehrer - was der Kurs da wohl macht? -, ca. 45 Menschen. Wir fangen pünktlich an, die Schulbusse warten nicht. Es ist sehr still im Raum, alle sind hochkonzentriert oder auch einfach nervös, aber alles klappt gut, auch der besondere Moment: die Wassereimer klatschen an den verabredeten Stellen von außen an die Panoramafenster. Die Klänge ertrinken und ... Zwanzig Minuten später gibt es guten Applaus, wir sind recht stolz, hätten aber das Verbeugen noch üben sollen. Eine Kollegin sagt: So stelle ich mir Projektarbeit vor!

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