Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung
Farbenhören
Wie man Synästhetiker unter seinen SchülerInnen erkennt von Johannes Barkowsky, aus: Musik & Bildung 6/99
(ungefähr 6 Seiten)
Synästhetiker sind Menschen, bei denen die Stimulation eines Sinnes
Empfindungen in einer zweiten Sinnesmodalität hervorruft. Solche Menschen
hören beispielsweise einen Ton und haben als Reaktion darauf eine
Farbwahrnehmung. Oder sie sehen ein Bild und spüren dabei einen bestimmten
Geschmack auf der Zunge.
Im Folgenden werden einige Beispiele von Synästhesien vorgestellt, in denen
der Hörsinn eine Rolle spielt. Ein Musiklehrer kann mit diesem
Hintergrundwissen die Synästhetiker unter seinen Schülern besser verstehen
und ihnen bestätigen, dass Synästhesien wohl seltene, aber hinlänglich
bekannte Phänomene sind.
Es gibt Synästhesien zwischen den Sinnen Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen,
Riechen und Motorik. Wenn jemand einen Klang hört und mit dem Klang eine
bestimmte Körperhaltung assoziiert, wäre das eine Synästhesie zwischen Hören
und Motorik. Wer bei einem optischen Reiz zusätzlich zur optischen
Wahrnehmung einen Geruchseindruck verspürt, muss nicht notwendigerweise auf
einen Geruch wiederum mit einer visuellen Vorstellung reagieren. Man würde
die Verbindung vom Sehen zum Riechen als eine Synästhesie bezeichnen und die
vom Riechen zum Sehen als zweite eigenständige Synästhesie. In manchen
Menschen sind mehrere Synästhesien vorhanden. Bei sechs Sinnesmodalitäten -
Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen, Riechen, Motorik - ergeben sich dreißig
mögliche Kombinationen von Synästhesien. Eine Synästhesie zwischen den
Sinnen Hören und Sehen in der Richtung vom Hören zum Sehen bezeichnet man
als Farbenhören.
Es ist schwer zu einzuschätzen, wie viele Fälle von Synästhesie in der
Bevölkerung existieren. Cytowich (1993) postuliert, es gebe etwa einen
Synästhetiker unter 100.000 Menschen. Bei dieser Schätzung können nur sehr
ausgeprägte Synästhesien gemeint sein. Milde Formen der Synästhesie dürften
häufiger vorkommen.
Frühe Belege aus der Literatur
Carl Stumpf (1848-1936), ein in seiner Zeit bedeutender und sehr bekannter
Psychologe, schildert Fälle von Synästhesie zwischen Tastsinn und Hörsinn:
"Herr Prof. Zaufal [ein Mediziner], welcher Smetana zu Beginn seines
offenbar von vornherein nervösen Leidens behandelte, erzählte mir auch, dass
derselbe damals [...] von den unleidlichsten ordinärsten Melodien verfolgt
wurde [...]. Ferner habe Smetana auf der Ohrmuschel ,Harfe spielen' können,
indem die Berührung ihrer verschiedenen Teile Töne erzeugt. Über letztere
Erscheinung gibt mir der Componist in einem zweiten Briefe folgende
Auskunft: ,Ich sass einmal (in den ersten Jahren der Taubheit) gegen Abend
auf einer Promenadenbank und streifte zufällig [...] meine Ohrlappen nur mit
einem Finger. Darauf klangen im Ohre Töne, so kurz als der Schlag der Finger
auf die Ohrlappen oder die äusseren Ohren war. Der Zustand hat aber nur
wenige Jahre gedauert. Die Töne erklangen nur einzeln, nie ensemble, also f,
g, c etc. Beide Ohren zum Klingen zu bringen war unmöglich. Am besten gelang
das Tönen, wenn ich die untersten Ohrlappen kurz und leicht touchirte. Der
Ton selbst war in der Färbung ähnlich der mezza voce gesungenen Bassstimme.
Die Töne hatten keinen musikalischen Zusammenhang.' Auch diese seltsame
Erscheinung steht nicht ganz isoliert [kommentiert Stumpf]. Henle erhielt
[...] Gehörsempfindungen durch Streichen der Wange. Ich selbst [Stumpf]
vernehme einen mehrmals rasch intermittirenden dumpfen Schall, wenn ich in
etwas ermüdetem Zustande mit der Fingerspitze die Augen berühre. Selbst wenn
die Berührung so schwach ist, dass ich sie noch gar nicht als Tastempfindung
spüre, höre ich das Geräusch im Ohre völlig deutlich. Bei stärkerem Druck
wird es stärker. Verschiedene Stellen besitzen verschiedene Empfindlichkeit;
besonders eignet sich der äussere Augenwinkel."
[weiter...]
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