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[Visualisierung von Musik]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung

Visualisierung von Musik

Multimedia als Werkzeug der Analyse und musikalischen Gestaltung

von Niels Knolle, aus: Musik & Bildung 4/99

(ungefähr 7 Seiten)

Jedermann kann heute Musik jeglicher Provenienz zu jeder Zeit an jedem beliebigen Ort hören. Der Konsum von Musik zählt - nicht nur für Jugendliche - zu den dominanten und beliebtesten Freizeitbeschäftigungen überhaupt. Wir wissen nicht erst seit Adornos Reflexionen zu einer kulturkritischen Musiksoziologie, dass sich dieses Hören (bzw. die Typen der HörerInnen von Musik) in seinen Erscheinungsformen und Funktionen recht unterschiedlich differenzieren lässt. Auch die Musikpädagogik hat sich in den 70er Jahren intensiv mit dem 'emotionalen', dem 'unbewussten' sowie andererseits dem 'strukturellen' Hören von Musik auseinandergesetzt (1), und nicht selten implizierten diese kategorialen Differenzierungen normative Bestimmungen dessen, wie ein dem musikalischen Objekt angemessenes "Hören" stattzufinden habe.

Die mit pädagogischer Sorge betrachtete Zunahme jenes "zerstreuten" und "passiven" Hörens ist dem Aufkommen der Massenmedien geschuldet, die zunächst mit Hilfe der alten Technologien Schallplatte, Rundfunk und Kino, später dann mit Tonband und Fernsehen, und in der Gegenwart mit Hilfe der neuen Technologien Computer und Internet den pädagogisch unkontrollierten (und unkontrollierbaren) Zugang zu Musik für die "breite Masse" ermöglicht haben. Dass diese Technologien der Verbreitung von Musik zu einer Veränderung der situativen Kontexte des Umgangs mit Musik geführt haben und damit zu einer Veränderung der Hörverhaltensweisen, lässt sich aber auch positiv bewerten: Sie haben eine kaum zu überschätzende Demokratisierung des rezeptiven Zugangs zu musikalischen Kulturen bewirkt und in Form der neuen Musik-Multimedia-Technologien auch zu einer Demokratisierung des produktiven Zugangs zum Musikmachen.(2)

In dieser musikpädagogisch geführten Debatte zum Hören von Musik hat die Tatsache wenig Beachtung gefunden, dass der rezeptive Umgang mit Musik nicht nur auf der auditiven, sondern immer auch auf der visuellen Ebene stattfindet. Um es auf eine Formel zuzuspitzen: Wir hören nicht nur Musik, sondern zugleich sehen wir sie auch - sei es im Zuge ihrer Reproduktion oder sei es in Gestalt ihrer Abbildung mit Hilfe musikbezogener Symbole. Bis vor wenigen Jahren beschränkte sich die visuelle Darstellung der Musik selbst (und ihrer bestimmenden Materialparameter) auf die Anwendung der historisch gewachsenen Notenschrift. Nach wie vor ist ihre primäre Funktion die einer Anleitung zum Reproduzieren der in ihr fixierten musikalischen Ideen und Festlegungen des Komponisten, und nur in Ausnahmefällen (etwa in der Neuen Musik) stellt die Partitur eine visuelle Umsetzung der Hörgestalt des Werks etwa im Sinne einer Hörpartitur dar. Abgesehen von Entwicklungen wie etwa des Welte-Mignon-Flügels, dessen Papierrollen als Führungsmedium der Pneumatik zugleich auch eine Visualisierung der Parameter Tonhöhe, Tondauer und relativer Zeitpunkt der Tonauslösung darstellen, und speziellen Forschungsapparaturen hat es bis in die 80er Jahre keine über den Notendruck hinausgehende Technologie der visuellen Umsetzung von musikalischen Verläufen gegeben.

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