Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung
"Ich verstehe das, was ich will!" - Handlungstheorien angesichts des musikpädagogischen Paradigmenwechsels
von Wolfgang Martin Stroh, aus: Musik & Bildung 3/99
(ungefähr 19 Seiten)
1. Bezugsbegriff für Musikpädagogik ist nicht "die Musik", sondern der
musikalisch tätige Mensch. Nicht aus einer Analyse von Musik, sondern
aus einer Analyse der musikalischen Tätigkeit können
Handlungsanleitungen deduziert werden.
Die Tätigkeitspsychologie bezieht sich auf Sergej Leonidowitsch
Rubinstein, der in seinen Grundlagen der Allgemeinen Psychologie davon
ausgeht, dass die "Psyche des Menschen nur durch die Tätigkeit des
Subjekts erkennbar" ist (Rubinstein 1977, 39) und daher die
Psychologie diese Tätigkeit zu analysieren habe.
2. Musikalische Tätigkeit hat Musik zum Inhalt ("Gegenstand"), sie
kann - mit Worten Leontjews - musikalisch motiviert sein.
Die "Gegenständlichkeit" des Handelns ist ein durchgehendes Merkmal
aller Handlungstheorien (Oerter 1993, 253 f.). Die Verbindung mit dem
Motiv ist aber eine Leontjew'sche Besonderheit (Leontjew 1977, 81).
3. Jede musikalische Tätigkeit hat ein Motiv und wird durch eine oder
mehrere auf Musik gerichtete Handlungen realisiert. Diese Handlungen
(und nicht die Tätigkeit) haben Ziele.
Die "Trennung von Ziel und Motiv" (von Handlung und Tätigkeit)
vollzieht sich nach Leontjew mit der Entstehung des menschlichen
Bewusstseins in der menschlichen "Entwicklung des Psychischen"
(Leontjew 1985, 153 ff.).
4. Motive "erscheinen" zwar in den die Tätigkeit realisierenden
Handlungen, sie sind aber weder bewusst noch sichtbar oder erfragbar.
Man kann Motive nur detektivisch aus "Indizien" erschließen. Solche
Indizien sind die sichtbaren Handlungen. Letztendlich ist der
Motiv-Begriff ein Konstrukt. (3) Der tätigkeitspsychologische
Motivbegriff ist im Gegensatz zur Auffassung anderer
Motivationstheorien niemals ohne Tätigkeit denkbar. Ein abstraktes
"Leistungsmotiv" ohne konkrete Tätigkeit (d. h. einen Inhalt) gibt es
nicht.
5. Eine einzelne musikbezogene Handlung (z. B. Singen eines Liedes)
kann unterschiedliche Tätigkeiten realisieren und daher auch
unterschiedlich motiviert sein. Umgekehrt kann dasselbe Motiv zu ganz
unterschiedlichen Handlungen mit unterschiedlichen Zielen führen.
Zwischen Tätigkeitsmotiven und Handlungszielen besteht also kein
kausallogischer Zusammenhang. Diese Polyvalenz von Ziel und Motiv
macht die Dynamik von Tätigkeit aus.
[weiter...]
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