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[Trommeln für eine andere Vernunft]

Musikzeitschriften im Portrait: Musik & Bildung

Trommeln für eine andere Vernunft

"dasselbe ist nicht dasselbe" von Nicolaus A. Huber im Unterricht

von Frank Sielecki, aus: Musik & Bildung 2/99

(ungefähr 6 Seiten)

Das Stück "dasselbe ist nicht dasselbe" von 1978 gehört zu Hubers zweitem politischen Kompositionsansatz, der "konzeptionellen Rhythmuskomposition" 1, die mit dem Stück "Darabukka" ab 1976 beginnt. Dieser zweite Ansatz könnte pointiert als eine dialektische (Lehr-)Musik und der erste, 1967/68 mit "Epigenisis III" beginnende Ansatz des "Kritischen Komponierens" 2 als musikalisierte (Lehr-) Dialektik bezeichnet werden. In dem in diesem Heft abgedruckten Interview zum Politischen in der Musik, das als eine zentrale Materialgrundlage für den Unterricht dienen kann, geht Huber näher auf seine beiden Ansätze des politischen Komponierens 3 ein, so dass an dieser Stelle auf eine nähere Erläuterung verzichtet werden kann. Huber strukturiert seine Werke mit Hilfe der "konzeptionellen Rhythmuskomposition" primär nach rhythmischen Prinzipien, die es ihm erlauben, die unterschiedlichsten "Genres" - z. B. Folklore, Arbeiterlieder, aber auch Bach und Webern usw. - in eine Komposition zu integrieren.

"Komposition als Rhythmuskomposition bedeutet einerseits Anknüpfung an das allgemein verbindliche bürgerliche Erbe sowie an die Errungenschaften der Arbeiterkultur und der in ihr besonders gepflegten Folklore, und ist andererseits eine Technik, in der alle musikalischen Phänomene an den im Vordergrund stehenden Rhythmus als Hauptsache gebunden und durch ihn geprägt sind." 4 Hubers Anliegen bei dem Stück "dasselbe ist nicht dasselbe"war es, die im Allgemeinen spezifische Festlegung der kleinen Trommel auf Militär-, Spielmannszug-, d. h. auf Marschmusik 5 zu hinterfragen, indem er

  • erstens durch eine ausgesprochen artifizielle Behandlung der kompositorischen Strukturen die Verhältnisse, d. h. den dumpfen 4/4-Marsch "zum Tanzen" bringt und indem er
  • zweitens durch verfremdende Spieltechniken die spezifische Festlegung des Instruments auf den Marsch auflöst und so die Wandlungsfähigkeit und semantische Vielfalt dieses "Begleitinstruments" offen legt. Hierbei bedingen sich die Wahl des Instruments, des rhythmischen Modells und die methodische Behandlung von Instrument und Modell gegenseitig.
Huber beginnt die Komposition mit einem Zitat aus einem seiner Arbeiterlieder, einem Marschrhythmus als rhythmischem Modell, auf dem die gesamte Komposition beruht 6, um konkret an diesem Inhalt - der Marsch als die Musik für kleine Trommel - die allgemein oft anzutreffende, einseitige Festlegung des Marsches auf die Attribute dumpf, stampfend-aggressiv, faschistisch zu widerlegen und um die vielfältigen, differenzierten und spezifischen (Aneignungs-)Techniken der Arbeiterkultur zu verdeutlichen. Der Titel des Stücks "dasselbe ist nicht dasselbe" 7 steht programmatisch für Hubers dialektisches Denken, das grundlegend für die Gesamtheit der Parameter bzw. die kompositorische Totalität ist, die - laut Huber - eine ununterbrochene Transformation 8 des rhythmischen Modells und, mit Hegel gesprochen, "eine Welt gegenseitiger Abhängigkeit und eines unendlichen Zusammenhangs von Gründen und Begründeten" 9 darstellt. Hegel schreibt über die Einheit von Identität und Unterschied: "Der Grund ist die Einheit der Identität und des Unterschieds [dasselbe ist nicht dasselbe; F. S.]; die Wahrheit dessen, als was sich der Unterschied und die Identität ergeben hat, - die Reflexion-in-sich, die ebensosehr Reflexion-in-Anderes und umgekehrt ist. Er ist das Wesen als Totalität gesetzt." 10

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